Es klingt, als sei “der Gun­der­mann” ein alter Fre­und. Wenn Tine von ihm spricht, ist jedes Wort voller Wertschätzung. “Der Gun­der­mann hil­ft bei Erkäl­tun­gen und Entzün­dun­gen”, sagt sie dann. Oder: “Er wächst sog­ar unter Schnee und hält sich auch auf einem Großs­tadt­balkon.” Der Gun­der­mann ist ein Wild­kraut – und deshalb fällt er in Chris­tine Knaufts Spezial­ge­bi­et: Die 30-Jährige bietet Kräuterkurse in Köln und Umge­bung an. WE ARE CITY durfte sie einen Vor­mit­tag lang durchs wilde Grün begleit­en.

Kräutergarten mitten in Köln

Auf dem Hin­weg macht die Anzeige des Navis skep­tisch: Mit­ten im Poller Stadt­ge­bi­et ist das Ziel ange­blich in fünf Minuten erre­icht, dabei sieht es noch gar nicht nach wilder und grün­er Natur aus. Doch tat­säch­lich: Plöt­zlich weist ein großes Schild den Weg zum Köl­ner Bio-Bauern, auf dessen Hof die heutige Tour stat­tfind­et. Kurz darauf öffnet sich ein qui­etschen­des Tor in eine andere Welt. “Die meis­ten Besuch­er sind völ­lig über­rascht von dem Gelände”, erzählt uns Tine bei der Begrüßung. “Der Hof ist vie­len Köl­nern gar nicht bekan­nt, obwohl er wirk­lich toll ist.” Ziegen und Kan­inchen schauen neugierig durch die Zäune ihrer großen Gehege, im Hin­ter­grund gack­ern Hüh­n­er, auf einem großen Holztisch mit Blick auf Gewächshäuser und Felder hat Tine den Willkom­mens-Drink für uns vor­bere­it­et: Selb­st­gemacht­es Kräuter-Wass­er – was son­st.

Mit­tler­weile wird ‘Infused Water’ über­all verkauft, als wäre es eine neue Erfind­ung”, sagt Tine lachend. “Dabei wer­den solche Getränke schon seit Jahrhun­derten angerührt.” Doch eine so aus­ge­fal­l­ene Kreation wie hier gibt es in den hip­pen Cafés von Ehren­feld und Bel­gis­chem Vier­tel wohl sel­ten: Hibiskus­blüten schwim­men auf dem Wass­er, außer­dem hat Tine viele Gartenkräuter hinein gemis­cht – hier ler­nen wir zum ersten Mal den Gun­der­mann ken­nen. Erstes Faz­it: Sieht super aus und schmeckt auch so. Vielle­icht ver­fall­en wir an diesem Tag wirk­lich den wilden Kräutern… Tine hat die Liebe zu ihnen schon als Teenag­er ent­deckt. Trotz­dem entsch­ied sie sich zuerst für einen klas­sis­chen Beruf­sweg und ergriff einen Büro­job im kaufmän­nis­chen Bere­ich. “Aber das war ein­fach nicht das Richtige”, erzählt sie.

Dann fiel mir ein: Eigentlich wollte ich doch früher immer Gärt­ner­in wer­den… .”

Chris­tine Knauft

Gärt­ner­in wurde die gebür­tige Köl­ner­in nicht, dafür aber: Fach­frau für Bio-Gourmet-Ernährung und zer­ti­fizierte Kräuter­päd­a­gogin. Um ihr Wis­sen zu teilen, hat sie das Pro­jekt “Wildes­grün” ges­tartet, in dem sie unter anderem Rundgänge wie diesen hier ver­anstal­tet. 13 poten­zielle Kräuter­fre­unde sind an dem som­mer­lichen Son­ntag auf den Bio-Bauern­hof gekom­men und hören jet­zt aufmerk­sam zu: “Das Wichtig­ste am Sam­meln ist, dass man die Kräuter sich­er erken­nt”, erk­lärt uns Tine.

Man muss dafür alle Sinne nutzen und zwar in der richti­gen Rei­hen­folge: Erst guck­en, dann fühlen, dann schmeck­en.”

Chris­tine Knauft

Damit wir ler­nen, die richti­gen Kräuter zu find­en und sie von gifti­gen zu unter­schei­den, ziehen wir gemein­sam übers Hof-Gelände. Tine trägt einen geflocht­e­nen Korb unterm Arm, läuft leicht­füßig über die Felder und beweist, dass sie hier wirk­lich ihre Lei­den­schaft auslebt: Sie zeigt uns, wie man eine Melde erken­nt. Sie lässt uns Sauerklee pro­bieren. Sie erzählt, dass Fran­zosenkraut beson­ders viel Eisen und Vit­a­min C enthält. Wir machen Fotos mit dem Handy, schreiben Erken­nungsmerk­male auf, zupfen Blät­ter ab, beißen auf Stän­gel – und begeg­nen immer wieder dem Gun­der­mann, der fast über­all zu wach­sen scheint. Die meis­ten Kräuter haben wir noch nie bewusst gese­hen und erst recht nicht gegessen. Kein Wun­der, denn “das, was ihr hier seht, kön­nt ihr eigentlich nir­gend­wo kaufen”, sagt Tine. “Und das Beste daran: Wild­kräuter sind alle umson­st.”

Melden

Sauerklee

Fran­zosenkraut

Wilde Möhre

Kräuter sind Nährstoffbomben

Ganz anders als abgepack­te Kräuter im Super­markt oder teure Samen, die als Super­food in unseren Einkauf­swa­gen lan­den. “Brennnes­sel-Samen sind das deutsche Pen­dant zu Chia-Samen”, sagt Tine. “Sie sind superge­sund, haben viele ungesät­tigte Fettsäuren und wahnsin­nig viele Nährstoffe. Und ihr kön­nt sie ein­fach selb­st pflück­en.” Überzeugt. Also gehören auch Brennnes­sel-Samen in die kleinen Papiertütchen, die Tine in ihrem Korb mit­ge­bracht hat, damit wir Kräuter für Zuhause sam­meln kön­nen. Mein guter Vor­satz: Brennnes­sel-Samen rösten, in einem Glas auf­be­wahren und von nun an über Smooth­ies und Müs­lis streuen.

Brennnes­sel

Gun­der­mann

Dost

Gier­sch

Wie gut Pro­duk­te aus den wilden Kräutern schmeck­en, das erfahren wir am Ende der Tour. Tine hat ein kleines Buf­fet aus ein­gelegtem Gemüse, selb­st­ge­back­en­em Brot und veg­an­er Mayo aufge­baut – natür­lich mit selb­st­gepflück­ten Zutat­en hergestellt. So leck­er und gesund das alles ist und so motiviert wir sind, ganz viele Rezepte zu testen: Als Anfänger soll­ten wir mit dem Kräuterkon­sum nicht übertreiben. “Man kann davon Kopf­schmerzen bekom­men, ähn­lich wie beim Fas­ten, wenn die Ent­gif­tung ein­set­zt”, erk­lärt Tine. “Die meis­ten Kör­p­er müssen sich erst an die vie­len Nährstoffe gewöh­nen.” Also lasse ich es langsam ange­hen – auch wenn es schw­er­fällt, nicht am gle­ichen Tag die ganzen Sauerklee-Vor­räte zu ver­nicht­en. Denn das Zeug ist wirk­lich leck­er.

Wer sich selb­st davon überzeu­gen will: Tine bietet regelmäßig “Wildesgrün”-Rundgänge, Kräuter­w­erk­stät­ten oder Kochkurse an und ent­führt euch damit in eine Welt, die wir mit­ten in Köln nicht für möglich gehal­ten hät­ten. Faz­it: Lohnt sich, macht Spaß, schmeckt super – und tut uns Stadtkindern mal richtig gut.  

AUF EINEN BLICK

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