Er fährt gerne Fahrrad, hört HipHop und bringt jeden Mor­gen seinen Sohn in den Kinder­garten. Außer­dem hat er als jüng­ster Koch in Deutsch­land zwei Sterne erkocht und im August 2019 sein erstes Restau­rant eröffnet: das “astrein”. Ein Por­trait über Eric Wern­er.

An einem ver­reg­neten Mittwochmor­gen sitze ich in der Krefelder Straße und warte auf den Koch Eric Wern­er. Um zehn sind wir für ein Inter­view verabre­det, es ist bere­its kurz nach zehn. Kein Eric zu sehen. Anlass für das Gespräch ist sein neues Restau­rant “astrein”, das in eben genan­nter Straße behei­matet ist. Mit nassen, strubbe­li­gen Haaren kommt Eric ins Restau­rant und entschuldigt sich für seine Ver­spä­tung. Ob uns schon etwas zu trinken ange­boten wor­den sei, erkundigt er sich zuerst. Dann erk­lärt er, dass er jeden Mor­gen Erledi­gun­gen macht, bevor er mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt. Mit “Erledi­gun­gen machen” meint er seinen kleinen Sohn in den Kinder­garten zu brin­gen, wie sich später her­ausstellen wird. 

EINE SEHENSWERTE KULINARISCHE PILGERSCHAFT VOR DEM ASTREIN

Vor der Eröff­nung des eige­nen Restau­rants erlebte Eric in sein­er Lauf­bahn als Koch bere­its einige Höhen. Vor knapp zehn Jahren heuerte er im ehe­ma­li­gen Sterner­estau­rant “Rési­dence” an, wurde danach Sous Chef bei Moleku­larkoch Heiko Antoniewicz und wech­selte sodann nach Wer­mel­skirchen in den “Spatzen­hof”. Dort erkochte er 2011 einen Miche­lin-Stern und wech­selte Anfang 2012 zurück ins “Rési­dence”. Zusam­men mit Erik Arnecke leit­ete er die Küche, erkochte den zweit­en Miche­lin-Stern als jüng­ster Zwei Sterne Koch Deutsch­lands und blieb dem Restau­rant bis zur Schließung 2017 treu. Von Essen ging es dann nach Köln: im Restau­rant “Him­mel un Äd” im Hotel im Wasser­turm set­zte er neue Akzente. Doch auch dieses Restau­rant schließt. Zwei Miche­lin-Sterne inner­halb vier Jahre, zwei Restau­rant-Schließun­gen inner­halb eines Jahres. Dazwis­chen wird sein Sohn geboren. Anstatt eine Pause einzule­gen beschließt Eric, sein eigenes Restau­rant zu eröff­nen: In der Krefelder Straße in Köln. 

Wer die Straße ken­nt, der weiß: Hier trifft Döner­bude auf Gourmetküche. Ein­er­seits rei­hen sich Bier­bu­den, Kioske und Spiel­hallen aneinan­der, ander­er­seits ist diese Nach­barschaft dank des franzö­sis­chen Sterner­estau­rants “Le Moisson­niere” und dem Edeli­tal­iener “Mar­celli­no” schon seit Jahren eine Genuss-Adresse für Haute Cui­sine-Lieb­haber. Die von Eric ange­bote­nen Austern auf Heil­butt mit Ing­w­er­schaum oder das Ker­beleis mit Mirabellen und Topfen lesen sich in dieser Gegend also nicht befremdlich auf der Speisekarte. 

Ein Restau­rant ist wie ein Baus­parver­trag.

Eric Wern­er

Er spricht gerne über seinen Beruf und das Handw­erk Kochen. Ein Restau­rant sei wie ein Baus­parver­trag: ein langfristiges Pro­jekt. Deutsch­lands jüng­ster Zwei-Sterne Koch? Das ist eine gefühlte Ewigkeit her. Gefreut habe er sich, ja. Aber dann ging es weit­er. Ausze­ich­nun­gen, die er in der Ver­gan­gen­heit bekom­men hat, spie­len heute beina­he keine Rolle mehr. Außer, er kann damit andere für seinen Beruf begeis­tern. Wie das Garten­pro­jekt an der Katholis­chen Hauptschule Großer Griechen­markt in der Innen­stadt. Dort betreut er einen 600 Quadrat­meter großen Schul­gar­ten. In der Kochshow “Das per­fek­te Din­ner — wer ist der Profi” gewann er 2014 viel Geld. Die Summe floss in das Schul­pro­jekt. Es ist eine grüne Oase zwis­chen Beton, so groß wie anderthalb Bas­ket­ballfelder. Ein eigenes Ökosys­tem mit Bäu­men, Sträuch­ern, Bienen, Ameisen­haufen, Gemüse­beet und Gärt­ner. Dieser küm­mert sich zusam­men mit den Schulkindern darum, dass der Garten bepflanzt und bewässert wird. Aus dem ange­baut­en Gemüse wird mit den Kindern gekocht. Dadurch ler­nen sie nicht nur unter­schiedliche Berufe ken­nen. Son­dern wer­den an die Natur herange­führt und set­zen sich mit gesun­der Ernährung sowie biol­o­gis­chen Lebens­mit­teln und deren Anbau auseinan­der. Die Stadt Köln hat das Pro­jekt mit 10.000 Euro gefördert. “Es ist eine ziem­lich coole Sache”, sagt Eric. Er selb­st lernte in der Schulzeit kochen, weil im Fach “Hauswirtschaft­slehre” wöchentlich der Kochlöf­fel geschwun­gen wurde. “Das war prak­tisch. Ich hat­te mit­tags immer Hunger und meine Eltern waren arbeit­en”, erk­lärt er. Es fol­gten Prak­ti­ka, Aus­bil­dung, zwei Miche­lin-Sterne und nun sein eigenes Restau­rant. 

EIN KOCH DER LIEBER SCHWEIGT, STATT QUATSCH ZU ERZÄHLEN

Hun­dert Tage nach der Eröff­nung vom “astrein” geht es Eric Wern­er gut. Das Geschäft läuft. Seine kom­plette Belegschaft hat ihre sicheren Arbeit­splätze aufgegeben und ist mit ihm ins ungewisse Neu­land ges­tartet. Auch viele Gäste, die er aus ehe­ma­li­gen Restau­rants ken­nt, nehmen teil­weise weite Streck­en auf sich, um von ihm bekocht zu wer­den. “Das über­rascht mich ehrlich”, sagt er. Ein gutes Jahr haben die Ren­ovierungsar­beit­en in der ehe­ma­li­gen Tapas­bar gedauert, bis er am 1. August 2019 eröff­nen kon­nte. Nicht nur die Gerichte auf den Tellern tra­gen seine Hand­schrift, auch die Ein­rich­tung des Restau­rants wurde von ihm gewählt: Die eine Wand hat er Jäger­grün stre­ichen lassen, auf der anderen Seite tur­nen Affen in einem ver­wilderten Kolo­nial­haus auf ein­er Tapete. Der Gast sitzt auf mit schwarzen Samt bezo­ge­nen Stühlen und isst an dun­klen Holzmö­beln. Dazu läuft Old­school Hip Hop Musik. 40 Sitz­plätze bietet der Gas­traum. Er hat konkrete Vorstel­lun­gen von seinem Leben und Arbeit. Der Küchenchef schweigt lieber, bevor er Quatsch erzählt. Und find­et er eine Frage doof, sagt er das auch. Eric weiß genau, was er will: “Ich gucke nicht nach links oder rechts und schaue, was andere machen.” Leben und Leben lassen ist sein Mot­to, dadurch entste­hen let­z­tendlich mehr Vielfalt und eine Offen­heit, die er gerne auslebt. 

Googelt man Bilder von ihm, spuckt die Such­mas­chine als Erstes eins aus, welch­es ihn in grün­er Train­ings­jacke zeigt. Non­cha­lant guckt er an der Kam­era vor­bei. Erst danach fol­gen weit­ere Suchergeb­nisse, die Por­traits von ihm in Kochschürze und stolzen Posen zeigen. Vielle­icht ist das Zufall, vielle­icht zeigt es aber auch, dass Eric boden­ständig geblieben ist: Ich bleibe der Typ in Train­ings­jacke, der gerne Hip Hop hört, Fahrrad fährt und Bock auf hochw­er­tige Pro­duk­te hat. Entschei­dend für ihn sind ein gut besucht­es Restau­rant voller Gäste, denen es schmeckt und faire Arbeits­be­din­gun­gen für sein Team: “Junge Mitar­beit­er müssen gefördert wer­den. Die brauchen Bewe­gung und Dynamik. Als Arbeit­ge­ber will ich die Men­schen an ihre Ziele begleit­en.”

AUF EINEN BLICK

Astrein Restau­rant — Web­seite
Krefelder Str. 37, 50670 Köln