Lagerhalle mit Kisten

Denkt man an „Jack in the Box“ fall­en einem sofort die Ver­anstal­tun­gen „nachtkon­sum“, der „Olym­pus Play­ground“ und der Club „Jack Who“ ein. Bis Ende 2016 fan­den regelmäßig kul­turelle Ver­anstal­tun­gen auf dem alten Güter­bahn­hof in Ehren­feld statt, die sich ein­er hohen Beliebtheit erfreuten. Als uns im Herb­st let­zten Jahres die Nachricht erre­ichte, dass der Club schließen würde und auch keine anderen Events mehr auf dem Gelände stat­tfind­en soll­ten, wur­den wir trau­rig und wehmütig. Und ein biss­chen sauer. Ver­muteten wir dahin­ter doch das Vorhaben eines gemeinen Bau­riesens, der ein weit­eres Einkauf­szen­trum plante und für den der Schau­platz für Kreativ­ität weichen musste.

Sinnvolle Beschäftigung für Langzeitarbeitslose

Mar­tin Schmitt­seifer erzählte uns dann, wie es wirk­lich war. Mar­tin ist der Vor­stand von Jack in the Box, ein gemein­nütziger Vere­in, bei dem es haupt­säch­lich um Beschäf­ti­gungs­förderung für Arbeit­slose geht. Dies ist die Ursprungs­geschichte eines Vere­ins und seinen Per­spek­tiv­en, mit denen die Vere­ins­mit­glieder seit dem Umzug nach Bayen­thal arbeit­en.

Mar­tin ist Sozialar­beit­er und arbeit­et seit Jahren mit langzeitar­beit­slosen Men­schen. Schon immer fand er die Sinnhaftigkeit der Tätigkeit­en für Ein-Euro Jobs ein biss­chen frag­würdig. Denn die „Arbeits­gele­gen­heit mit Mehraufwand­sentschädi­gung“, wie der Ein-Euro Job offiziell genan­nt wird, muss drei Kri­te­rien erfüllen: Er muss wet­tbe­werb­sneu­tral sein, im öffentlichen Inter­esse und die orig­inäre Auf­gabe eines Unternehmens darf nicht angerührt wer­den. Mar­tin erk­lärt das so: 

Die Tafel wurde gegrün­det, um bedürfti­gen Men­schen Essen auszuteilen. Ein Ein-Euro Job­ber darf kein Essen austeilen. Das ist die Auf­gabe von den ehre­namtlichen Mitar­beit­ern. Der Ein-Euro Job­ber darf die bedürfti­gen Men­schen begrüßen.”

Mar­tin Schmitt­seifer

Ausbau von Seecontainern

Mar­tin lacht. Er über­legt sich ein Konzept, wie er Langzeitar­beit­slosen eine sinnhafte Beschäf­ti­gungs­maß­nahme geben kann. Und kommt auf den Aus­bau von Seecon­tain­ern. Die haben ihn schon immer fasziniert. „Arbeit­slose soll­ten Seecon­tain­er für kul­turelle Nutzun­gen aus­bauen, das war die Grun­didee.“ Deshalb auch der Name, „Jack in the Box“. Jack in the Box ist eigentlich ein amerikanis­ches Kinder­spiel, zu Deutsch: „Kisten­teufel“. Es ist eine Kiste mit ein­er Hand­kurbel. Dreht man diese, ertönt eine Melodie und am Ende des Liedes springt ein Clown aus der Kiste. „Der Kas­ten­teufel ist eine freudi­ge Über­raschung“, sagt Mar­tin. Zusam­men mit Kol­le­gen grün­det Mar­tin 2006 den Vere­in. Mit ihrer Grun­didee treten sie ans Job­cen­ter her­an. Hartz IV wird ger­ade neu umstruk­turi­ert: „Es war eine gute Zeit, um ein neues Pro­jekt am sozialen Markt zu platzieren“, erk­lärt Mar­tin.

In der Chris­t­ian- und Her­brandsstraße in Ehren­feld bekommt der Vere­in Teile der dort leer­ste­hen­den Hallen für ein Jahr. Par­al­lel suchen Mar­tin und sein Team nach einem Alter­na­tivort und wer­den auf den Güter­bahn­hof an der Vogel­sanger­straße aufmerk­sam gemacht. Wusstet ihr, dass hier bis in die 1980er Jahre ein Kartof­fel­han­del behei­matet war? Per Bahn kamen die Kartof­feln dort an, wur­den gewaschen, ver­packt und an alle möglichen Köl­ner Kan­ti­nen und Restau­rants aus­geliefert.

Die Container kommen an

Es fol­gten erfol­gre­iche Jahre für den Vere­in. Von 2006 bis 2012 wur­den in der Mon­tage­halle Seecon­tain­er aus- und umge­baut. Arbeit­slose Fachkräfte ris­sen Wände her­aus, macht­en Met­al­lar­beit­en, baut­en Fen­ster ein und küm­merten sich um den Innenaus­bau und die Däm­mung. „Wir hat­ten alle Fach­berufe mit an Board: Architek­ten, Schrein­er oder Elek­trik­er“, sagt Mar­tin. Köln hat­te viele Arbeit­slose zu der Zeit, knapp 50.000. Die GAG Immo­bilien AG spon­sert den Vere­in. Noch heute find­en sich an der Fach­hochschule Köln vier umde­signte Con­tain­er, die den Stu­den­ten als Work­shopräum­lichkeit­en dienen. Und das Jugendzen­trum Vingst bekam drei Con­tain­er, die für Jugend­sozialar­beit genutzt wer­den. Die Con­tain­er kom­men an, sog­ar bis nach Erlan­gen. Durch Zeitungs­berichte, Ausstel­lun­gen und Fachar­tikel erlangt der Vere­in mit sein­er Beschäf­ti­gungs­maß­nahme über­re­gionale Bekan­ntheit, die wiederum einige schöne Pro­jek­te ermöglichen. Auch kleine, über­sichtliche Ver­anstal­tun­gen fan­den statt, Ausstel­lun­gen, Konz­erte oder Break­dance-Wet­tbe­werbe.

Viele Ein-Euro Jobs seien laut Mar­tin nicht sicht­bar: „Es gibt die klas­sis­che Parkreini­gung und hier und da kleine Helfer­tätigkeit­en.“ Aber nie dürfe es zu arbeit­snah sein oder gar Arbeit­splätze ver­drän­gen. „Von daher ist es eine gewisse Kun­st, über­haupt einen sin­nvollen Ein-Euro Job zu kreieren“, sagt er. Mit dem Vere­in sei es ihnen jedoch ganz gut gelun­gen.

Vielversprechende Kooperationen

Bis der Aus­bau von den Seecon­tain­ern nicht mehr ges­tat­tet wurde. „Juris­tisch und über­haupt rechtlich zu unklar“, hieß es. Es war 2010, die Krise herrschte. In allen Bere­ichen, in denen es um Arbeits­mark­t­förderung ging, wurde Geld gekürzt. Auch bei Jack in the Box kam es zu hefti­gen Kürzun­gen. Das sei der Moment gewe­sen, in dem umgedacht wer­den musste, 50 Prozent weniger Geld, „das kon­nte nicht kom­pen­siert wer­den“, sagt der Vor­stand.

2011 fand also zum ersten Mal der Nacht­flohmarkt “nachtkon­sum” statt und schnell wurde klar, dass dies für alle Beteiligten eine vielver­sprechende Koop­er­a­tion war. Als auch noch der Olym­pus Play­ground als Ver­anstal­tung kam, kon­nte sog­ar ein größer­er Umbau finanziert wer­den, sodass die Loca­tion noch höher­w­er­tig wurde. Es lief gut.

Wohnraum statt Kultur

Den­noch hat­te der Vere­in schon immer Verträge, die jährlich künd­bar waren. Der Ver­mi­eter ist nicht die Stadt Köln, son­dern ein Immo­bilienun­ternehmen, das eine Tochter­fir­ma der Deutschen Bahn AG ist: die Aurelis Real Estate GmbH. Bere­its 2015 kündigte sich langsam an, dass der Ver­trag von Jack in the Box wohl nicht mehr ver­längert wer­den würde. Denn für das Gelände sind knapp 450 Woh­nun­gen geplant. Wie geht es einem damit? „Wir wussten ja schon lange, dass dieses Ver­fahren geplant ist. Unser Ver­mi­eter war immer ent­ge­genk­om­mend mit uns“, sagt Mar­tin. Wenn es wirtschaftliche Schwierigkeit­en gab, und die gab es, sei die GmbH immer sehr fair mit dem Vere­in gewe­sen:

Wir spuck­en denen, die uns das hier ermöglichen nicht in die Suppe. Wir brauchen ja auch Woh­nun­gen!”

Mar­tin Schmitt­seifer

Wohn­raum statt Kul­tur also. Doch es beste­ht die Möglichkeit, auf dem Gelände eine Art kul­turelles Zen­trum aufzubauen. Mit Proberäu­men für Bands, Kün­stler­ate­liers und offe­nen Werk­stät­ten. Hier­für hat der Vere­in ein konkretes Konzept entwick­elt und ist mit ver­schiede­nen Inve­storen und Fir­men im Gespräch. Bis es so weit ist und der Vere­in möglicher­weise wieder zurück auf das Gelände in Ehren­feld zieht, ist er nach Bayen­thal auf die Koblenz­er Straße umge­siedelt. Seecon­tain­er wer­den auch hier nicht mehr gebaut und Events find­en auch nicht statt. Der Vere­in wid­met sich seinem Kern­pro­jekt, der Beschäf­ti­gung von Langzeitar­beit­slosen.

Das zweite wichtige The­ma des Vere­ins ste­ht nun im Vorder­grund: Upcy­cling. „Die Leute wer­den nicht mehr als Handw­erk­er oder Architek­ten zugewiesen, son­dern als Kün­st­lerische Mitar­beit­er“, erk­lärt Mar­tin. Hier­für sei der Bedarf sehr groß. Um den Verkauf gin­ge es aber nicht. Vielmehr um Ausstel­lun­gen und dem Zeigen. Das sei ein wichtiger Punkt des Gesamtkonzeptes, denn wenn man plant, mit einem Pro­jekt an die Öffentlichkeit zu gehen, ver­liefe die Arbeit grund­sät­zlich anders.

Die näch­sten zwei Jahre wird es wohl etwas ruhiger um die Events von Jack in the Box. Doch trau­rig und bit­ter ist die Geschichte am Ende des Tages nicht. Es bleibt die Hoff­nung, dass es schon bald ein kul­turelles Zen­trum geben wird, das vor Vielschichtigkeit und Syn­ergien zur so strotzt. Es wäre ein langfristiges Geschenk für Ehren­feld und die restliche Stadt.

AUF EINEN BLICK

Jack in the box, Koblenz­er Straße 11, Bayen­thal
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