Vor 17 Jahren kam Leonard nach Köln und erlebte mit dem Karneval stür­mis­che Zeit­en: Rausch + Eskala­tion gefol­gt von ein­er Phase des absoluten Anti­jeck­seins + Ver­damm­nis aller Nar­ren. Aber dann fand er her­aus, was den Karneval wirk­lich für ihn aus­macht …

Es ist Feb­ru­ar, mein siebzehntes Köl­ner Jahr begin­nt. Der Jahres­be­ginn ist jedes Jahr untrennbar mit Karneval ver­bun­den. Die Ses­sion feiert Bergfest und jed­er Köl­ner, der nur halb­wegs etwas mit Karneval zu tun hat, begin­nt nun, die Gedanken, um mögliche Kostüme kreisen zu lassen. Die Hard­core-Karneval­is­ten haben das schon im Okto­ber des Vor­jahres getan, um für den „Elften im Elften“ und all die Sitzun­gen gewapp­net zu sein. 

Als ich 2003 vom Rande des Ruhrge­bi­ets nach Köln zog, war mir der Karneval als gebür­tiger Rhein­län­der nicht fremd. Immer wieder waren meine Fam­i­lie und ich nach Köln oder Bonn zurück­gekehrt, um die jeck­en Tage zu feiern. Ich kann mich erin­nern, dass meine Eltern den rheinis­chen Frohsinn verin­ner­licht hat­ten. Ich war sechs, als wir das Rhein­land gen Ruhrpott ver­ließen. So hat­te ich nur wenig Zeit, mich an den Karneval zu gewöh­nen und meine Feier­lust, vor allem in den Teenag­er-Jahren, hielt sich in Gren­zen. Ich war gehemmt, kon­nte mit dem aus­ge­lasse­nen Treiben nichts anfan­gen.

Als ich 2003 dann endgültig nach Köln zog, aus­ges­tat­tet mit etwas mehr Selb­stver­trauen und dem Drang, alles aus­pro­bieren zu wollen, stürzte ich mich, sobald sich die Gele­gen­heit bot, in das bunte Treiben und feierte am 11.11. und von Weiber­fast­nacht bis zur Nubbelver­bren­nung durch. Schlaf war Neben­sache, die Euphorie übertönte alles. Meine Mit­stre­it­er macht­en mir dies allerd­ings auch sehr leicht, denn nichts war schön­er und hem­mungslos­er, als sich mit meinen Schaus­piel-Kom­mili­to­nen die Hörn­er abzus­toßen. Drei Jahre ging das so. Was mir zu der Zeit aber noch fehlte, war eine klare Iden­ti­fika­tion mit der Stadt und ihren Bräuchen. Es ging mir nur um die Par­ty.

Mit der Zeit fiel mir allerd­ings auf, dass ich dem Karneval von Jahr zu Jahr über­drüs­siger wurde. Die Superla­tiv­en blieben aus und ich fing an mich zu lang­weilen. Die Stadt hat­te mir nichts mehr zu bieten, die Lieder die immer gle­ichen. Die Kneipen waren zu voll, die Leute zu enthemmt, die Stim­mung dro­hte zu kip­pen. Rück­blick­end gibt es dafür einen einzi­gen klaren Grund: Mir fehlten die richti­gen Mit­stre­it­er. Ich bewegte mich in Kreisen, in denen Karneval eher ver­pönt und als prim­i­tiv ver­schriehen war. Also wurde ich zum absoluten Anti-Jeck, fand Argu­mente gegen den Karneval und ließ mich schnell zu ein­er abwink­enden Geste und erhaben­em Kopf­schüt­teln hin­reißen. 

Zehn Jahre ging das so.

2014 wurde ich Vater eines großar­ti­gen Jun­gen. Geboren in Köln-Ehren­feld. Ne echte kölsche Jung. Meine Frau und ich haben nicht die Absicht Köln zu ver­lassen, somit wird er in dieser Stadt aufwach­sen, sie auf­saugen und sie zu seinem Dschun­gel machen. Ob mit oder ohne Karneval. Er wird so etwas wie Heimat fühlen. Ein Gefühl, was ich eher mit Kartof­fel­salat, als mit einem Ort verbinde. Meine Gedanken began­nen also um den Begriff Heimat zu kreisen, um das kölsche Lebens­ge­fühl und ich fühlte mich er Stadt zuge­höriger denn je. Aber der Karneval kam trotz­dem nicht zu mir zurück.

Bis zu dem Tag, als mich meine Frau zur Par­ty des „Zirkus­trüpp­sche“, dem Karnevalsvere­in ihrer Fir­ma, mit­nahm. Da stand ich also. Voll kostümiert, ob mein­er lan­gen Absti­nenz noch etwas zurück­hal­tend, in einem Zirkuszelt am Rhein. Es dauerte nicht lange und ich war wieder voll ange­fixt. Und ich musste mir eingeste­hen, dass mir der Karneval, wie er dort gefeiert wurde, gefehlt hat­te. Die Stim­mung war einzi­gar­tig. Getra­gen vom Enthu­si­as­mus der Ver­anstal­ter, vom tollen Pro­gramm bis hin zum respek­tvollen Umgang miteinan­der war das genau nach meinem Geschmack. Noch ganz beseelt von dieser tollen Erfahrung, schrieb ich den Men­schen in diesem Zirkuszelt ein Lied: „Mir sin dat Zirkus­trüpp­sche“.

An diesem Feb­ru­artag hat sich etwas verän­dert. Ich habe ver­standen, dass der Karneval nichts ist, wovon man sich berieseln lassen kann. Wer Karneval richtig feiern will, sollte das Gefühl haben, dem Karneval etwas zurück­geben zu wollen. Sei es ein beson­ders kreatives Kostüm, Rück­sicht und Respekt gegenüber anderen Jeck­en, der Stadt und denen, die nicht Karneval feiern, oder die ehrliche und trotz­dem kri­tis­che Auseinan­der­set­zung mit den karneval­is­tis­chen Bräuchen und Gepflo­gen­heit­en.

Karneval passiert nicht ein­fach so. Wir alle gestal­ten den Karneval, sind die Jeck­en, das Kon­fet­ti und die bun­ten Kostüme und es ist unsere Ver­ant­wor­tung, dass er offen und tol­er­ant bleibt. So wie es unsere Ver­ant­wor­tung ist, dass Köln offen und tol­er­ant bleibt. Also sucht euch die richti­gen Mit­stre­it­er, feiert, singt und lacht, aber vergesst nicht, dass ihr ganz automa­tisch Botschafter unser­er Stadt seid. In diesem Sinne, bleibt Kölsch.