Tische mit unzähligen Büchern und alte Lampen hängen von der Decke

Mit­ten im Nir­gend­wo und umringt von urba­nen Indus­triebaut­en befind­et sich im Köl­ner Stadt­teil Niehl ein Ort, der Vin­tage-Herzen höher schla­gen lässt. Wir von WE ARE CITY haben uns zum Sozialka­ufhaus des Emmaus e.V. aufgemacht, um der dominieren­den Kap­i­tal­is­mus-Kette zu trotzen und nach liebevollen Din­gen zu suchen, die schon unsere Großväter hät­ten besitzen kön­nen.

Individuelle Lieblingsstücke finden

Zugegeben, beim Betreten des über 1.500 qm² großen Gelän­des sind wir kurz sprach­los: Unser Blick wan­dert von unzäh­li­gen Lit­er­aturk­las­sik­ern über Unmen­gen an ele­gan­ten Led­er­schuhen zu zahlre­ichen Wollmän­teln und ver­weilt schließlich an ein­er gläser­nen Deck­en­lampe im Stil des Mid Cen­tu­ry. Willkom­men im Sec­ond­hand-Schlaraf­fen­land! Der Vor­satz, nur mal kurz zu stöbern und wirk­lich nichts kaufen, ist schneller ver­wor­fen als man V‑i-n-t-a-g‑e über­haupt sagen kann. Doch was macht den Reiz dieser Flohmarkt-Hallen aus? Zwis­chen Porzel­lan und kleinen Vasen­wun­dern tum­melt sich ein bunter Haufen an Inter­essierten. Schein­bar entwick­elt sich in unser­er Zeit ein erneutes Bewusst­sein dafür, dass nicht unbe­d­ingt das eingepack­te T‑Shirt mit dem Schild­chen made in Bangladesh die beste Wahl ist. Vielmehr soll dem herrschen­den Mate­ri­al­is­mus ein Stück weit die Stirn geboten wer­den, indem Aus­sortiertem ein neuer Wert zuge­sprochen wird.

Hier find­et man Gegen­stände mit Seele. Kleinigkeit­en, die meine Oma zum Kochen ver­wen­dete. Dinge, die ich eben nicht in einem Kaufhof-Regal finde.”

San­dra, junge Mut­ter aus Köln

Auf der Suche nach den kleinen Schätzen von Gestern scheinen das bekan­nte piek­feine Anti­quar­i­at oder der ange­sagte Vin­tage-Shop aus der Innen­stadt nicht mehr die erste Anlauf­stelle zu sein. Die aufre­gen­den Räume von Emmaus haben Charme und bieten genü­gend Raum für ein reges Flohmarkt-Treiben. Doch steckt hin­ter dem Konzept der Emmaus e.V. einiges mehr als eine gün­stige Einkauf­s­möglichkeit.

Nachhaltigkeit lautet die Devise

Schnell kom­men wir ins Gespräch mit Frau Drech­sler, die vor 60 Jahren die Gemein­schaft mit ihrem Ehe­mann ins Leben gerufen hat. Ende der 50er Jahre sollte ein Feri­en­camp für Kinder die Deutsch-Franzö­sis­che-Fre­und­schaft wieder stärken. Zur Finanzierung dieser wurde zur ersten deutschen Brock­en­samm­lung aufgerufen – mit gewaltigem Erfolg!

In Bel­gien und Frankre­ich wusste man damals schon was ein Flohmarkt ist. In Deutsch­land gab es nur Anti­quar­i­ate. Wenn man etwas Gebraucht­es abgeben wollte, dann tat man es nur unter Fre­un­den.”

Frau Drech­sler, Mit­grün­derin der Gemein­schaft Emmaus e.V.

Die gegen­seit­ige Unter­stützung, das Ange­bot von preiswerten Waren und das Zusam­menkom­men unter­schiedlich­ster Men­schen waren Phänomene, die in der schwieri­gen Nachkriegszeit sehr rar gesät waren. Nur durch den starken Zusam­men­halt, den Emmaus seit 1954 zutage brachte, kon­nte die Exis­tenz dieses sozialen Konzepts über Jahrzehnte gewahrt wer­den.
Der wech­sel­seit­ige Akt des Spendens und Erwer­bens erset­zt die ein­seit­ige Shop­pinglust. Immer­hin haben Min­i­mal­is­mus und Qual­ität längst das Streben nach Quan­tität abgelöst. Unter dieser Prämisse mis­ten wir unsere Klei­der­schränke aus und befüllen mit gutem Gewis­sen riesige Altk­lei­dertüten. Die Emmaus-Läden nehmen täglich Spenden an, nur auf Sauberkeit und Qual­ität sollte man acht­en. Raum für Neues schaf­fen, lautet die Devise! Also weg mit den ollen Bil­lig­mö­beln, damit mal wirk­lich indi­vidu­elles Interieur unsere Woh­nun­gen gemütlich macht.

Super viele Stu­den­ten kaufen bei uns eins. Ganz egal, ob sie eine neue Holzkom­mode, ein Bett oder Küch­enele­mente brauchen.”

Pas­cale Does,Mitarbeiterin seit 30 Jahren

Ehrenamtliches Engagement machts möglich

Im März dieses Jahres hat die dritte Fil­iale von Emmaus e.V. in Riehl eröffnet. Zwar ist diese ein wenig klein­er, doch arbeit­en hier nicht min­der engagierte Men­schen. Ohne Emmaus wür­den die meis­ten von ihnen in Frauen- oder Flüchtling­shäusern leben und noch immer auf eine Gele­gen­heit zum Weit­er­ma­chen warten.
Eine Möglichkeit zum Neube­ginn oder ein­fach ein ehrlich­es Lächeln bekom­men hier Men­schen, die etwas mehr Halt als einen neuen Job suchen – ganz egal, welchen Hin­ter­grund diese besitzen. Nur durch die Hil­fe von vie­len Ehre­namtlichen kön­nen in Köln gle­ich drei Sozialka­ufhäuser sowie eine mobile Sup­penküche beste­hen.

Die Emmaus-Bewe­gung ist inter­na­tion­al. Klar ist aber auch, dass wir vor allem lokal helfen wollen und kön­nen.”

Pas­cale Does

Nach mehreren Stun­den ver­lassen wir Emmaus mit einem Lächeln. In unserem Beu­tel haben wir einen neuen Cash­mere-Pul­li mit Liebling­steil-Poten­zial – in unserem Gedächt­nis so einige inter­es­sante Bekan­ntschaften mit ehrlichen Geschicht­en.

Eure Vanes­sa & Euer Nathan

AUF EINEN BLICK

Emmaus Gemein­schaft Köln e.V.
Geestemün­der Str. 42
50735 Köln
Web­seite

Emmaus Möbel­halle Riehl
Bar­baras­traße 3–9, Halle 8
50735 Köln

Das “Läd­chen“
Bau­driplatz 16
Köln-Nippes