Treppe Wilhelmplatz

Veedel-Guide Nippes

Es gibt Vier­tel in Köln, deren Namen bere­its sym­pa­thisch, wenn nicht sog­ar heimatlich klin­gen. Dazu gehört zweifel­sohne Nippes. Nördlich der Innen­stadt, östlich von Ehren­feld gele­gen – ein Köl­ner Stadt­teil, der im Gegen­satz zu seinem Namensvet­ter vor fröh­lichem Lebens­ge­fühl und Authen­tiz­ität nur so sprudelt. Glück­lich kön­nen sich die schätzen, die hier tagein tagaus ihren All­t­ag genießen. Doch auch ein kurz­er Aus­flug zum Schlen­dern, Käf­fchen trinken oder Essen lohnt sich – kölsches Ehren­wort!

Veedel-Tipps Nippes

Berliner Flair vs. Altbau-Chic

Unser Walk startet an einem für Nippes typ­is­chen – doch gle­ichzeit­ig sehr ungewöhn­lichen – Gebäude. Mit­ten auf der Neuss­er Straße, der zen­tralen und her­rlich bun­ten Einkauf­sstraße des Vier­tels, ste­ht der Nippes Tow­er. Hoch, beige, urban – so ziem­lich das Gegen­teil eines stat­tlichen Her­ren­haus­es. Doch wer zweimal hin­schaut, der erken­nt, dass sich hier ein wenig Berlin­er Flair à la Kot­ti erspüren lässt: Auf den Punkt gebrachte Balkon-Verzierun­gen sowie das gle­ich dahin­ter gele­gene “Café Klein Berlin”, dessen Charme und Gemütlichkeit einen auf Anhieb umgar­nen.

Kon­trär zum Nippeser Kot­ti punk­ten die angren­zen­den Straßen mit der typ­is­chen Schön­heit prächtiger Alt­baut­en. Es ist vor allem der Leipziger Platz, der von zahlre­ichen Gebäu­den aus der Grün­derzeit umringt ist. Zugle­ich ist er ein­er dieser Orte, der in ein etwas klis­chee­haftes Bild von Nippes passt: Der Leipziger Platz ist ein Spielplatz für all die kleinen Fred­eriks und Mias, die in ihren süßen, indi­vidu­ellen Out­fits aus dem näch­st­gele­ge­nen Vin­tage-Kinder­laden “Anni­ka & Tom­my” im Sand bud­deln, während sich die Väter oder wahlweise Müt­ter in der gemütlichen Eck­kneipe “Basil’s” über gesunde Ernährung und die Bal­ance zwis­chen All­t­ag, Arbeit und Zeit für sich unter­hal­ten.

Aber mal ehrlich und ganz ohne Sarkas­mus: Ob Vin­tage-Laden oder unbezahlbare Alt­bau­woh­nung, die Gegend zwis­chen Neuss­er und Niehler Straße ist ein­fach wahnsin­nig schön und beschaulich. Das wis­sen und sehen auch die leben­shun­gri­gen Mittzwanziger, die es hier­hin zieht. Denn zwis­chen Kinder­wa­gen, gesprächiger Omi und joggen­den Pärchen find­en sich auch jene junge Leute, die auf dem Schillplatz im schö­nen “Morio” oder auf den weitläu­fi­gen Wiesen des idyl­lis­chen Nippeser Tälchen über ihre Zukun­ft­sideen und die großen Lebens­fra­gen philoso­phieren.

Sechzigviertel: traditionell-gemütlicher Treffpunkt

Dieses ruhige, beschauliche und friedliche Lebens­ge­fühl begeg­net einem nicht nur in den schö­nen Alt­bau-geprägten Gegen­den östlich der Neuss­er Straße, son­dern in fast allen Nippeser Wohn­vierteln, die von dieser Axe abzweigen. Somit führt uns unser Spazier­gang weit­er über den abends ziem­lich leerge­fegten Wil­helm­platz hinein ins Sechzigvier­tel, ein unauf­fäl­liges, an den Lohsep­ark angren­zen­des Wohnge­bi­et mit vere­inzel­ten, alteinge­sesse­nen Ladengeschäften, Gale­rien sowie ein paar Cafés und Restau­rants. Den Namen ver­dankt dieses Vier­tel übri­gens der Tat­sache, dass hier die Rheinis­che Eisen­bah­nge­sellschaft im Jahr 1862 zur Errich­tung ihres Eisen­bahn-Aus­besserungswerks (EAW) 60 Mor­gen Land kaufte und die angren­zende Werk­sar­beit­er­sied­lung somit den Namen Sechzigvier­tel erhielt. Auch heute lassen sich in der gle­ich­nami­gen Sechzigstraße noch ehe­ma­lige, vom EAW erbaute Werksmeis­ter­häuser find­en, die dem Vier­tel einen sehr eige­nen, nos­tal­gisch anmu­ten­den Charme ver­lei­hen. Die vie­len leer­ste­hen­den Laden­lokale, über deren Fen­ster­fron­ten in alt­modis­ch­er Schrift noch Obst und GemüseDruck­erei oder Ste­hcafé zu lesen ist, lassen auf ein einst sehr lebendi­ges und eigen­ständi­ges Vier­tel schließen.

Diesen Ein­druck bestätigt mir auch Josef Immen­dorf, Inhab­er ein­er mit­tler­weile geschlosse­nen Met­zgerei auf der Sechzigstraße. Er erzählt mir von lebendi­gen Zeit­en im Vier­tel und der Fülle von Einzel­han­del hier auf dieser Straße. Für die Anwohn­er des Vier­tels war sie Haupteinkauf­sstraße und wichtiger sozialer Tre­ff­punkt – nicht zulet­zt auch, da die Straßen­führung eine andere war und viele Pendler auf ihrem Nach­hauseweg noch kurz für einen Einkauf oder ein Bierchen anhiel­ten. Mit dem Bau eines verkehrs­beruhigten Ein­bahn­straßen­sys­tems und der zunehmenden Konkur­renz der Neuss­er Straße als mit­tler­weile wichtig­ste Einkauf­sstraße von Nippes, änderte sich die Lage jedoch fortwährend. Mehr und mehr Laden­lokale mussten auf­grund der gerin­gen Kaufkraft und schlechter Umsatz­zahlen schließen. So auch der Delikatessen­laden und die Met­zgerei von Her­rn Immen­dorf.

Obwohl dieses Vier­tel somit an trau­rig-grauen Tagen fast etwas ver­lassen wirkt, verir­rt sich des Öfteren auch manch Nicht-Nippeser in diese Gegend – z. B. um eines der großar­ti­gen Konz­erte in der “Kul­turkirche” zu besuchen oder in der 1953 gegrün­de­ten Eis­diele “Eis Engeln” eines der besten Eis Kölns zu schlem­men. Wie an vie­len anderen Orten im Vier­tel scheint auch hier die Zeit ste­hen geblieben zu sein: die alte Holzvertäfelung, das Mobil­iar (der gute, runde Mar­mor­tisch fehlt natür­lich nicht!) sowie das Design des “Eis Engeln”-Schriftzugs oder der Preistafel lassen einen Tra­di­tions­be­trieb erken­nen, der auf Qual­ität statt Quan­tität set­zt und seine Kun­den mit beschaulichen 14 Eis­sorten aus dem klas­sis­chen Sor­ti­ment beglückt. Doch genau das schätzen die Nippeser und rei­hen sich an war­men, son­ni­gen Tagen gerne in die 20 Meter-lange Schlange unter der gelb-grün-gestreiften Markise ein. 

Die zuvor genan­nte Tra­di­tion, Boden­ständigkeit, wenig Schnick-Schnack und eine gewisse Unaufgeregth­eit – all das sind Begriffe, die ich mit dem Nippeser Lebens­ge­fühl verbinde. Ein Vier­tel, das Gebor­gen­heit ausstrahlt, in dem man sich zu Hause fühlt, zur Ruhe kom­men kann und seinen All­t­ag ver­bringt. Ein Vier­tel, um das urbane Trends, szenige Cafés und Bou­tiquen sowie ein aus­ge­lassenes Nachtleben größ­ten­teils einen Bogen machen. Ohne erkennbaren Grund und das ist auch irgend­wie gut so. 

Täglicher Wochenmarkt am Wilhelmplatz

Wer jedoch ab 7 Uhr mor­gens oder gerne auch mal später den Nippeser Wochen­markt auf dem Wil­helm­platz betritt, der weiß, dass es mit der Ruhe und Beschaulichkeit auch schnell vor­bei sein kann. Hier schallt einem in solch­er Vehe­menz und Behar­rlichkeit das „Ein Kilo, ein Euro“ ent­ge­gen, dass man am Ende gar nicht anders kann, als sich die Taschen mit aller­lei Obst, Gemüse, Fisch oder Fleisch, Blu­men und anderen Schnäp­pchen vol­lzu­pack­en. Das weiß auch Josef Immen­dorf, der seine Met­zger­waren mit­tler­weile nur noch auf dem Markt verkauft. Das würde sich wenig­stens lohnen, denn der Wochen­markt hat Tra­di­tion, ist gut besucht und außer­dem der einzige Wochen­markt, der jeden Tag außer son­ntags geöffnet hat. Wer sich hier nicht gle­ich ins Getüm­mel begeben oder dem Kaufrausch erliegen möchte, kann sich ein­fach auf den Ste­in­stufen des Taj Mahals – so nen­nen die Nippeser wohlwol­lend die etwas sinnlose Kon­struk­tion von Kölsch­er Schön­heit mit­ten auf dem Platz – nieder­lassen, das Geschehen in bester Lage beobacht­en und mit leck­erem Kaf­fee und Mark­t­stulle in den Tag starten.

Das weiß auch Ilka Buchloh, eine der bei­den Betreiberin­nen des char­man­ten “Kaffeekiosks”im Taj Mahal. Die bei­den haben sich diesen Platz für ihr Büd­chen nicht ohne Grund aus­ge­sucht und schätzen die authen­tis­che, trube­lige Atmo­sphäre dieses Ortes sowie das tol­er­ante Beisam­men­sein ver­schieden­ster Men­schen.

Wenn ich rück­blick­end an die vier Jahre denke, die ich im schö­nen Nippes gewohnt habe, fällt mir vor allem diese eine Frage ein, die ich von Fre­un­den und Bekan­nten öfters gehört habe: „Ach Nippes, das ist aber schon eher außer­halb Kölns oder?“ Dann habe ich gelacht, mich mal wieder über den engen Radius viel­er Köl­ner – auf deren geografis­ches Gefühl bezo­gen – gewun­dert und geant­wortet: „Ne, eigentlich nicht.“ Denn in vier Bahn­sta­tio­nen oder zehn Fahrrad­minuten befind­et man sich bere­its am Friesen­platz und somit mit­ten im Zen­trum von Köln. 

Doch während dieser vier Jahre ist mir auch aufge­fall­en, dass diese Frage vielle­icht gar nicht so unbe­grün­det ist. Denn in Nippes fühlt es sich tat­säch­lich oft so an, als würde man außer­halb von Köln in einem idyl­lis­chen Vorort wohnen, weit weg von großstädtis­ch­er Hek­tik und in ein­er Ruhe, in der man mor­gens die einzel­nen Singvögel voneinan­der unter­schei­den ler­nen kön­nte.

FOOD UND CAFÉ

Café Einhörnchen
Baudriplatz 2

Basils
Bülowstraße 21

Morio Wein-und Kaffeehaus
Schillstraße 12

Eis Engeln
Cranachstraße 22

Café Klein Berlin
Florastraße 7

Em Goldene Kappes
Neusser Straße 295

AUF EINEN BLICK

WEITERE ORTE IN NIPPES

Hin­ter­lasst gerne eure Liebling­sorte in Nippes als Kom­men­tar und wir fügen diese mit in unsere Liste ein. Wir freuen uns darauf!