Hand auf weißer Plane

Zweifel­sohne bee­in­flusst dieser ominöse dig­i­tale Wan­del unsere Gesellschaft und Wirtschaft. Doch was bedeutet das eigentlich für einen selb­st? Wie verän­dert uns die Dig­i­tal­isierung im All­t­ag? Welche Auswirkun­gen hat sie auf unsere Per­sön­lichkeit­en und Wertesys­te­men? Macht sie uns zu vorherse­hbaren Wesen, die sich nur noch über Likes und Klicks definieren?

Ausstellung zum Leben im digitalen Zeitalter

Diese selb­stkri­tis­chen und tiefge­hen­den Fra­gen haben sich 20 Kün­stler gestellt. Darauf auf­bauend wur­den Ideen, Konzepte und Exponate entwick­elt, die die Betra­chter zum Nach­denken anre­gen und mit unseren Erwartun­gen spie­len. Zeit­ig zum Start der 18. Muse­um­snacht Köln zeigt das Ausstel­lung­spro­jekt 72-Stun­den auf, was es bedeutet, im dig­i­tal­en Zeital­ter zu leben. Im bunker k101 laden die Kün­stler und Ver­anstal­ter ein, die heutige Gesellschaft und sich selb­st zu hin­ter­fra­gen: Wen repräsen­tieren wir eigentlich in der virtuellen Welt – uns selb­st oder eine manip­ulierte, attrak­ti­vere Ver­sion unser­er Per­son?

Die sech­sköp­fige Ver­anstal­ter­gruppe formierte sich diesen März aus der Ini­tia­tive jungekun­st­fre­unde. Beste­hend aus Design­ern und Kun­stschaf­fend­en wurde bei der Auswahl expliz­it darauf geachtet, dass es junge Kün­stler sind, die einen regionalen Bezug aufweisen. Schließlich geht es um ein omnipräsentes The­ma, das unseren All­t­ag bes­timmt.

Wenn wir uns die Werke anguck­en, geht es um die Frage der Selb­stre­flex­ion. Wer sind wir in der realen Welt? Wie ini­ti­ieren wir uns virtuell?”

Jana, Ver­anstal­terin & Pro­jek­tlei­t­erin

Das digitale Ich ergründen

Auch die Loca­tion unter­stützt das Hin­ter­fra­gen des eige­nen Ichs. Im Bunker hat man kein Netz. Nahezu abgeschot­tet lerne ich mich auf die anwe­senden Dinge zu konzen­tri­eren. Kom­mu­nika­tion wird zu dem, was es mal war: eine face-to-face-Sit­u­a­tion. Ich lasse mich auf das Exper­i­ment ein. Will mich trauen, mein dig­i­tales Ich zu ergrün­den.

Anders als in den meis­ten Museen ist der Geräusch­pegel hoch. Die tiefen Deck­en der vie­len Durch­gangsräume erin­nern an einen Unter­grund-Club. In Scharen drän­gen sich Besuch­er vor Videoin­stal­la­tio­nen, Plas­tiken und bun­ten Fotografien. Nach einiger Zeit wird es ruhiger. In der Mitte des Haup­traums tut sich was. Eine junge, ganz in Weiß gek­lei­dete Frau legt sich auf den Boden. Vor ihr hängt zusam­menge­fal­l­en­er Stoff von der Decke. Schnell bildet sich um die Per­for­mance-Kün­st­lerin Char­lotte Triebus eine Traube von Men­schen. Man ist ges­pan­nt – natür­lich­er voller Erwartun­gen. Sehr langsam bläht sich der Stoff auf, er wird zur überdi­men­sion­alen Kugel. Die Kün­st­lerin schmiegt sich an dieses immer größer wer­dende organ­is­che Objekt an, bis sie schließlich darin ein­taucht. Die Rezip­i­en­ten sind fasziniert, suchen mit ihren Hän­den gle­ichzeit­ig den Kon­takt zur Per­formerin.

Die Per­for­mance zeigt die Gren­zen der Kom­mu­nika­tion auf. Eine Sphäre des Unerr­e­ich­baren, die aufge­brochen wird.”

Manolo, Besuch­er

Digitalisierung als etwas Organisches

Char­lotte Triebus sieht in ihrer Arbeit Lunatic Cloud Ten ein sehr vielschichtiges Werk. Es han­delt von Kom­mu­nika­tion und von der aktiv­en Entschei­dung für ein tech­nisiertes Dasein. Dabei soll die Ver­schmelzung laut der Kün­st­lerin mit der dig­i­tal­en Welt unbe­w­ertet bleiben:

Die Per­for­mance ermöglicht, die Tech­nisierung als etwas Organ­is­ches wahrzunehmen, wom­it man sich verbindet. Auch Kun­st verän­dert ihren Aggre­gatzu­s­tand. Das Medi­um Per­for­mance the­ma­tisiert diese Entwick­lung von einem fes­ten zu einem flüs­si­gen Zus­tand.

Die Meta­pher ein­er flüs­si­gen und ein­nehmenden Dig­i­tal­isierung finde ich zutr­e­f­fend. Gle­ichzeit­ig frage ich mich, ob wir die damit ein­herge­hen­den Wahrnehmungs- und Ver­hal­tens­for­men noch reflek­tieren. Ebendieser Prob­lematik wid­men sich Miri­am Keil und Clau­dia Stol­len­werk. Die ehe­ma­li­gen Kom­mu­nika­tions­de­sign-Stu­dentin­nen führen mit Echokam­mer ihre gemein­same Mas­ter­ar­beit vor. Disku­tiert wer­den soll, wie jed­er Einzelne mit der gegen­wär­ti­gen dig­i­tal­en Reizüber­flu­tung umge­ht. Entwick­eln wir uns stetig weit­er oder sind wir in unserem eige­nen Daten­ver­lauf fest­ge­fahren? Die Kün­st­lerin­nen sind sich einig, dass Dig­i­tal­isierung für viele mehr Fluch als Segen bedeutet.
 „Man kann der Dig­i­tal­isierung nicht entkom­men. Aber man sollte seine eige­nen Aktiv­itäten und Gedanken hin­ter­fra­gen. Vieles ist mehr Schein als Sein. Die Face­book-Fotos zeigen eine ver­meintlich coole Par­ty, obwohl man auf­grund von Langeweile schon um 11 nach Hause gegan­gen ist“, sagt Miri­am.

So gut wie jed­er kon­sum­iert ständig dig­i­tales Gut. Das wirkt eher belas­tend als zufrieden­stel­lend. Deswe­gen ist es wichtig, Räume zu schaf­fen, die frei von visuellen Reizen sind. Auf­bauend auf dieser Idee konzip­ierten Miri­am Keil und Clau­dia Stol­len­werk für die Besuch­er eine leere Kam­mer. Frei vom tech­nis­chen Umfeld muss man sich allein vor sich selb­st ver­ant­worten.  

Die Dig­i­tal­isierung trans­formiert sich. Nur die Momen­tauf­nahme kann sie ein­fan­gen. Ebendiesen Ver­such wagt die Ausstel­lung – und zwar erfol­gre­ich!

Die teil­nehmenden Kün­stler sind: Simon Baucks | Luzie Bayreuther | Clemens Bald­szun | Raphael Brunk | Immanuel Ess­er | Isabel­la Fürnkäs | Jan Hoeft | Max Hoff­mann | Stef­fen Jopp | Andy Kassier | Miri­am Keil | Daniel Kiss | Fabi­an Kuntzsch | Phillip Kün­zli | Alwin Lay | Este­ban Sánchez | Lau­ra Schawel­ka | Mor­gaine Schäfer | Clau­dia Stol­len­werk | Char­lotte Triebus

AUF EINEN BLICK

Ausstel­lung­spro­jekt 72-Stun­den
bunker k101, Körn­er­straße 101, Ehren­feld
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Muse­um­snacht Köln