Sitze und Kölner Dom Kulisse Scala Theater

Was haben eine männliche Nonne, ein erfol­gre­ich­er Rächsver­dreher und ein tanzen­des Schwein auf einem Bauern­hof in der Eifel gemein­sam? Und wieso ren­nt da ein Pfar­rer rum, der sich die Hand an den Po hält, als könne er kaum ein­hal­ten und schre­it „Wenn der Pfar­rer schnell zum Waldesrand het­zt, ist das Scheißhaus schon beset­zt!?” Entwed­er, man hat einen ver­rück­ten Traum. Oder aber man sitzt im “Scala The­ater” am Hohen­zollern­ring.

Das aktuelle Stück heißt „Do laachs do dich kapott“. Wer noch nicht im Scala The­ater alias dem kölschen Lust­spiel­haus zu Gast war, dem ent­ge­ht ein großes Stück volk­stüm­liche Kul­tur.

1. „Hier ist ein Komödienhaus, hier wird sich auf die Schenkel geklopft”

Die schlechte Nachricht zuerst: Worum es in „Do laachs do dich kapott“ geht, kann man nicht in einem Satz sagen. Die Gute ist: Das muss man auch gar nicht erst pro­bieren. Eine schwule Liebesgeschichte entspringt und bre­it­et sich über das Ganze auf. Ohne erhobe­nen Zeigefin­ger wird gezeigt, dass es ver­schiedene Men­schen mit unter­schiedlich­sten Lebensen­twür­fen gibt. Dafür kom­men ein Schwein, eine Katze, der Hennes Geißbock und ein wun­der­schön­er Hahn auf dem Bauern­hof von Gri­et Kleinapfel in Kim­menich zum Ein­satz. Eine Fam­i­liengeschichte wird aufgelöst, eine ver­botene Liebe taucht auf und viele kleine Liebesgeschicht­en entsprin­gen diesem Wirrwarr, das eine große Mes­sage enthält: Die Liebe gewin­nt.

Ralf Bor­gartz, Geschäfts­führer, kün­st­lerisch­er Leit­er und Schaus­piel­er ist das kreative Mas­ter­brain, er schreibt die Geschicht­en im Scala The­ater: „Ich suche Loca­tions wo sich Men­schen tre­f­fen kön­nen, die nichts miteinan­der zu tun haben. Zum Beispiel am Platz an ein­er Kaf­febud, auf dem Camp­ing­platz oder am Büd­chen.“ Her­aus kom­men ver­rück­te und alberne Szenen, die Köl­ner All­t­agsmo­mente wider­spiegeln oder The­men aus dem Leben auf­greifen. In „Do laachs do dich kapott“ bekommt Homo­sex­u­al­ität im Fußball eine Nor­mal­ität, ohne zu provozieren oder den karneval­is­tis­chen Esprit des The­aters in Frage zu stellen. „Hier ist ein Komö­di­en­haus, hier wird sich auf die Schenkel gek­lopft“, sagt Ralf. „Eine ern­stgenommene Tunte ist das Schlimm­ste, was es gibt.“

2. Die bunten Kostüme

Das Karneval­is­tis­che find­et sich nicht nur in der Geschichte mit all ihren Neben­hand­lun­gen wieder, son­dern auch in den Kostü­men des Ensem­bles. Ein Besuch im Scala The­ater und man hat Inspi­ra­tion für die näch­sten drei Karnevalsses­sio­nen. Jedes Jahr aufs Neue kann man sich in ein halbes Dutzend wun­der­schön gestal­tete und liebevoll zusam­mengesteck­te Kostüme ver­lieben. 89 Req­ui­siten liegen hin­ter der Bühne parat und kom­men in „Do laachs do dich kapott“ zum Ein­satz: Körbe, Zeitun­gen, Fahrradlenker, Schubkar­ren oder kom­plette Kostüme: Über­all liegt etwas rum und trägt zum göt­tlichen Humor der Geschicht­en bei.

3. Die einzigartige Spielart

Im Scala The­ater wird eine alter­na­tive Spielart gelebt, wie es sie son­st nir­gends gibt: Es gibt gewollte Aussteiger aus dem Stück. Es kann passieren, dass ein Schaus­piel­er bewusst aus sein­er Rolle aussteigt, seinem Gegenüber am Kostüm rum­fum­melt und sagt: „Du hast hier etwas, das stört mich schon die ganze Zeit, das muss ich jet­zt ein­mal ent­fer­nen“. Es sorgt für Über­raschun­gen und wird sog­ar von den Zuschauern erwartet. Was woan­ders ein No Go ist und ein Kündi­gungs­grund sein kann, wird hier zele­bri­ert. Einge­führt wur­den die Aussteiger von The­ater­grün­der und Kul­tregis­seur Wal­ter „Wal­ly“ Bock­may­er. Er nahm alles auf die Schippe und löste Zauber in Witzen auf. Diesen Stil haben Ralf und sein Lebens­ge­fährte Arne Hoff­mann erlernt und aufge­so­gen. Die Stücke und die Spielart erlauben etwas, das nicht alle Schaus­piel­er kön­nen oder wollen. Ralf: „Was wir hier an The­ater­spiel und Ästhetik fordern, näm­lich, dass man aussteigt und lacht, das wäre woan­ders ein frist­los­er Kündi­gungs­grund. Das ist eigentlich ein totales No-Go, das viele Schaus­piel­er auch nicht wollen, weil es immer ein wenig ama­teurhaft wirkt.“ Die pro­fes­sionelle Lächer­lichkeit ist in Wahrheit eine feine Frei­heit, die Zuschauer und Schaus­piel­ern gle­icher­maßen Freude bere­it­et.

4. Ein normales Ensemble? Nicht im Scala Theater!

Woan­ders steigen Schaus­piel­er manch­mal so tief in die Rolle ein, dass sie später behaupten, die Julia richtig gefühlt zu haben. In dem Stil, wie im Scala gespielt wird, geht das gar nicht. 13 Schaus­piel­er teilen sich acht Posi­tio­nen. Da kann dann auch mal ein 45-Jähriger einen Napoleon spie­len oder einen ural­ten Mann, der denkt, er sei Napoleon. Im Scala wird das Ego aufgelöst, dass nur ein­er eine bes­timmte Rolle kann. Wer am Abend auf der Bühne ste­ht, kann man beim Betreten des The­aters sehen. „Bei uns ist das Stück der Star und nicht die einzelne Per­son“, erk­lärt Arne. Dem zweit­en Geschäfts­führer, The­ater­leit­er und eben­falls Schaus­piel­er ist es schon wichtig, dass man die Men­schen dahin­ter sieht, deshalb wird auch trans­par­ent gezeigt, wer auf der Bühne ste­ht. „Aber wir wer­fen nicht mit großen Namen. Bei uns spielt immer das beliebte Scala Ensem­ble“, sagt er. Einzi­gar­tige Schaus­pielkon­stel­la­tio­nen machen das The­ater unmit­tel­bar. Das was man sieht, sieht man so nur an einem Abend. „The­ater ist vergänglich und nur für den Moment“, sagt Ralf. Bei Fil­men kann man zurück­spulen, im The­ater geht das nicht. Man kann sich gar nicht alles behal­ten. Dafür kann man „für den Moment lachen“ ergänzt Arne.4.

5. Die Menschen hinter dem Scala Theater

Im Scala gibt es keine Sitz­platzre­servierung. Um 15 Uhr ste­hen deshalb die ersten Zuschauer vor den Türen des The­aters und warten auf Ein­lass. Die freie Platzwahl mag bei dem ein oder anderen zu schlaflosen Nächt­en führen. Wer ins Scala The­ater geht, ist darauf vor­bere­it­et und plant die Zeit ein. Wieso? Weil man die Men­schen im The­ater unbe­d­ingt sehen möchte! Satirischen Geschicht­en, her­rliche Kostüme und kölsche Mundart zum Mitsin­gen ziehen ein­fach an. Was daran liegt, dass Ralf und Arne das Ver­mächt­nis und Konzept von Wal­ly weit­er­leben lassen. Seit 24 Jahren ist das Paar zusam­men, seit 1998 arbeit­en sie für das Scala The­ater. Wenn Ralf über das Volk­sthe­ater spricht, funkeln seine Augen wie später manch ein Kostüm auf der Bühne. Wer Tick­ets fürs Scala The­ater kauft, bekommt nicht ein­fach Schaus­piel und einen net­ten Abend. Arne und Ralf verkaufen eine Botschaft, eine schrille und her­rliche Erzäh­lung, in die man als Zuschauer ein­taucht und sich ver­liert. Gepickt mit derbem Humor, satirischen Momenten und dem Ver­sprechen, dass alles ganz anders sein kann. Nach der Vorstel­lung fällt es einem schw­er, diese bessere und bun­tere Welt zu ver­lassen. Das bekom­men Ralf, Arne und das Team auch von den Gästen gesagt. Nach jed­er Vorstel­lung ste­ht das Team an den Trep­pen und ver­ab­schiedet die Gäste. Dann hören sie rührende Geschicht­en von älteren Damen, die sich die Treppe hochziehen, die Freude ste­ht ihnen ins Gesicht geschrieben. „Mein Kind liegt im Kranken­haus“ oder „Mein Mann ist gestor­ben“ sagen sie. Und fügen schnell hinzu „Für ein paar Stun­den kon­nte ich das alles vergessen und ein­fach Lachen“.
Wir find­en: der Besuch im kölschen Lust­spiel­haus sollte verpflich­t­end für alle Köl­ner sein.

AUF EINEN BLICK

Tick­ets für die Vor­führun­gen bekommt ihr über die Web­site vom Scala The­ater.