Michael Kastens

Gute elek­tro­n­is­che Musik an einem Son­ntag, gut gelaunte Men­schen und gutes Wet­ter: Dafür ist das Poller Wiesen Fes­ti­val bekan­nt. Schon seit 25 Jahren feiert das Event mit­ten in der Stadt Tech­no und House, aber auch andere Strö­mungen von Elek­tro. Was 1993 im Kleinen anf­ing, ist mit­tler­weile deutsch­landweit beliebt. Ver­anstal­tet wird das Fes­ti­val Joscha Läs­sig, Lars Müller, Arda Kus und Michael Kas­tens ste­hen dahin­ter.  Zusam­men sind die vier in die Fußstapfen des Grün­ders Patrick Pei­ki und Oliv­er Hoff­mann getreten.

*Dieser Beitrag entstand in freundlicher Kooperation mit Gaffel Kölsch.

Zum Jubiläum hat das Team sich etwas Beson­deres aus­gedacht: Statt Son­ntag tagsüber find­et das Event zum ersten Mal an einem Sam­stag statt. Am 4. August gibt es ein Tanzpro­gramm, das tagsüber startet und abends im Club Boot­shaus weit­er geht.

Wenn ein beliebtes Event 25 Jahre alt wird, bleibt man sein­er grund­sät­zlichen Lin­ie treu oder schlägt neue Rich­tun­gen ein? Das fragten wir Michael Kas­tens, der stel­lvertre­tend für das Ver­anstal­terteam auf diese und weit­ere Fra­gen Antworten gab. Wir tre­f­fen ihn im noch leeren Jugend­park, dort wo diesen Sam­stag das Jubiläums­fest der Poller Wiesen stat­tfind­et.

Drei bis vier Tage vor der Ver­anstal­tung fan­gen wir mit dem Auf­bau an. Mit Event und Abbau liegt die Zeitspanne bei knapp sechs Tagen, in der Zeit arbeit­en 250 Men­schen hier. Das Fes­ti­val an sich dauert eigentlich nur zehn Stun­den. Dieses Jahr feiern wir die offizielle Geburt­stagspar­ty und das hat uns die Gele­gen­heit gegeben, auch nachts zu feiern. Nor­maler­weise ist die After­par­ty im Boot­shaus ein zusät­zlich­es Good­ie: Köl­ner Locals und andere Djs, die tagsüber gespielt haben, leg­en spon­tan auf. Dieses Jahr haben wir ein richtiges Pro­gramm aufgestellt und den Club mit in die Ver­anstal­tung inte­gri­ert.

Obwohl wir am Tag selber keinen Tropfen Alkohol trinken, haben wir danach einen Kater.

Wir arbeit­en das ganze Jahr über an der Vor­bere­itung für die Poller Wiesen. Erst muss man die Genehmi­gun­gen bei der Stadt anfra­gen, danach zieht sich die Pla­nung übers Jahr hin. Das Pro­gramm wird erstellt, Mar­ket­ing und Vorverkauf begin­nen. Da wir mit­ten in der Fes­ti­val­sai­son sind, müssen alle eher pla­nen. Es ist inter­es­sant, wie sich eine Jahre­s­pla­nung dann an einem Tag entlädt. Obwohl wir am Tag sel­ber keinen Tropfen Alko­hol trinken, haben wir danach einen Kater: Weil wir emo­tion­al sehr stark mit den Poller Wiesen ver­bun­den sind. In zehn Stun­den sam­melt man viele schöne Momente und die Anspan­nung geht raus. Es ist so schnell vor­bei und dann geht es schon mit der näch­sten Ver­anstal­tung weit­er.

Ich habe 2009 als freier Mitar­beit­er ange­fan­gen, mit Fotos vom Event. Mit­tler­weile küm­mere ich mich um das Mar­ket­ing und die Pro­gram­mgestal­tung. Seit 2015 bin ich Teil der jün­geren Gen­er­a­tion, die die Poller Wiesen jet­zt ver­anstal­tet. Seit jeher ste­hen für uns immer die Begeis­terung für Ver­anstal­tun­gen an erster Stelle. Irgend­wie haben wir auch alle das Ver­anstal­ter-Gen in uns: Wir haben Lust, etwas auf die Beine zu stellen. Durch die lange Zeit der Eingewöh­nung war ich auch nie an einem Punkt, wo ich dachte ‘oh, da spring ich ins kalte Wass­er’. Natür­lich ist es eine große Ver­ant­wor­tung, eine solche Ver­anstal­tung zu stem­men. Wir sind ein starkes Team, wir arbeit­en eng miteinan­der und kom­mu­nizieren viel. Jed­er weiß über den anderen Bescheid, man ist nie alleine und zusam­men schaf­fen wir dann auch größere Hin­dernisse. Jed­er hat auf seinen Weg in die Fir­ma gefun­den und bringt unter­schiedliche Kom­pe­ten­zen mit. Dadurch ist eine schöne Dynamik ent­standen. Aufgeregt bin ich vor Ver­anstal­tun­gen nicht mehr richtig, das klingt ein biss­chen hys­ter­isch. Anges­pan­nt sein trifft es eher, fokussiert auf das bevorste­hende Event. Dann schläft man auch schon mal ein biss­chen weniger.

Alles was ich bisher in meinem Leben gemacht habe, hatte irgendwie mit Musik zu tun.

Elek­tro­n­is­che Musik hat mich früh begeis­tert, vor allem das Gemein­schafts­ge­fühl, das in Clubs oder auf Fes­ti­vals entste­ht. Die Poller Wiesen ist ein Event, wo wir mit inter­na­tionalen Größen arbeit­en, die eine entsprechende Pop­u­lar­ität haben. Es gibt aber auch immer wieder Wege, wo wir Strö­mungen aus dem Under­ground mit ein­fließen lassen, exper­i­mentelle zum Beispiel. In Dort­mund haben wir vier Büh­nen und buchen auch Kün­stler, die vielle­icht noch nicht so bekan­nt sind. Die den Wan­del von elek­tro­n­is­ch­er Musik aber vorantreiben. Es verän­dert sich ja alles ständig. Genau das wollen wir auch am 4. August in der Nacht abbilden, weil wir dann mehrere Floors haben und auf jedem Floor wird in eine andere Rich­tung gegan­gen.

Grundsätzlich bin ich der Überzeugung, dass man seinem Konzept treu bleiben sollte.

Poller Wiesen ist ganz klar ein elek­tro­n­is­ches Musik­fes­ti­val. Das bewegt sich in den Bere­ichen 115 bis 135 BpM, also Tech­no, House und Min­i­mal. Vielle­icht noch ein biss­chen Dis­co. Je nach­dem, was ger­ade aktuell ist. Beson­ders freue ich mich diesen Sam­stag auf Nina Krav­iz, die wir schon zweimal zu Gast hat­ten, in den Jahren 2015 und 2013. Sie hat in den let­zten Jahren einen raketen­haften Auf­stieg hin­gelegt und ist sich selb­st dabei treu geblieben. Das finde ich total beein­druck­end. Sie hat es geschafft, sich ins Top of the Game hochzuar­beit­en. Als Nina anf­ing, war ihr Style ein Novum und sie musste viele Hür­den über­winden. Sie ist auf jeden Fall eine Pio­nierin. Als wir sie 2013 das erste Mal hier hat­ten waren viele Frageze­ichen in den Gesichtern der Crowd abzule­sen. Weil sie unbekan­nt war und einen Sound gespielt hat, der abseits vom dama­li­gen Tech House lag. Zwei Jahre später hat­te sich das alles schon gedreht und sie hat hier im Park alles abgeris­sen. Jet­zt ist sie auf einem Lev­el angekom­men, das mit Sicher­heit viele unser­er Gäste nur wegen ihr kom­men. Ich bin ges­pan­nt, wie sie damit umge­hen wird. Das ist ja auch Teil der Geschichte von der Poller Wiesen: Wir kön­nen ver­fol­gen, wie Kün­stler sich entwick­eln. Die Poller­Wiesen hat als klein­er Rave in den 90ern ange­fan­gen, Kün­stler wie Richie Hawtin oder Sven Väth haben damals vor 500 Leuten in und um Köln unter einem Pavil­lon gespielt. Und das sind unter anderem Kün­stler, die die let­zten zwanzig Jahre die Tech­no House Szene entschei­dend geprägt haben.

Elektromusik hatte immer seine Phasen.

Wenn ich jet­zt die let­zten zehn Jahre betra­chte, ist es sehr viel offen­er gewor­den. Auf Ver­anstal­tun­gen wird nicht mehr nur eine Rich­tung gefahren, son­dern es mis­cht sich. Ich habe den Ein­druck, dass DJs genau wie Pro­duzen­ten mutiger gewor­den sind. Mutiger heißt, nicht nur aus­ge­tretene Pfade zu nehmen, son­dern zu exper­i­men­tieren. Das bringt Farbe und Abwech­slung in die Szene.

Der Spirit der PollerWiesen ist urban und grün.

Wir sind immer in den Innen­städten, aber auch immer im Grü­nen. Immer auf ein­er Wiese, immer in der Natur und im urba­nen Umfeld. Spon­tan ist die Poller­Wiesen auch, aus der Geschichte her­aus. Es gab damals das Katz und Maus Spiel mit den Behör­den, es gab Tele­fon­ket­ten vor der Ver­anstal­tung und es wurde immer kurz vor knapp gesagt, wo das Event stat­tfind­et.

Wir sind auf natürlichem Weg in den Spirit der PollerWiesen reingewachsen.

Diese Kon­sis­tenz wollen wir beibehal­ten und unseren Ide­alen treu bleiben. Dazu gehört auch, dass wir uns auf Neues ein­lassen und verän­dernde Dinge annehmen. Wir wollen auf keinen Fall starr bleiben. Die Grün­dungs­geschichte an sich ist ja schon eine Inno­va­tion­s­geschichte. 1993 gab es noch keine Raves in Deutsch­land, da war elek­tro­n­is­che Musik ger­ade erst in den Clubs angekom­men. Vielle­icht gab es hier und da nachts im Musik­fernse­hen Sendun­gen. Aber es war alles neu, eine Stim­mung von Auf­bruch und ille­galen Par­ties. So fing die Poller Wiesen an. Der heilige Son­ntag wurde genom­men, die Langeweile mit ein paar Musik­box­en und Plat­ten beschallt und kul­turell mit Tanz belegt. An sich war das erst­mal eine absurde Sit­u­a­tion: Leute tre­f­fen sich im Park und tanzen. Und das auch noch zu neuar­tiger Musik. Diesen Inno­va­tion­s­geist wollen wir weit­er­tra­gen.

Wir wollen Gäste von nah und fern dazu begeis­tern, zu uns zu kom­men. Um das zu ermöglichen, haben wir eine lange Liste an Kün­stlern, die zu unserem Konzept passen. Aus denen wählen wir aus und wägen ab: Was passt dra­matur­gisch und musikalisch konzep­tionell zusam­men? So wird hin und hergeschoben, am Ende haben wir ein Pro­gramm. Der Find­ung­sprozess ist fortwährend. Lars, der sich ums Book­ing küm­mert, und ich beschäfti­gen uns das ganze Jahr über min­destens zwei Stun­den am Tag mit Musik: Wir hören sie und schauen uns andere Ver­anstal­tun­gen und Fes­ti­vals an. Das ist der wichtig­ste Aspekt: Dass man zu ein­er Ver­anstal­tung geht und einen Kün­stler spie­len hört. Man kann sich online noch so viele Sets anhören, das wird nie das Momen­tum wiedergeben, das du auf ein­er Ver­anstal­tung oder im Club sel­ber erleb­st. So find­en wir auch unsere Kün­stler, die wir gerne hier spie­len sehen. Wenn man eine Grund­begeis­terung für das The­ma mit­bringt, ist das sehr leicht. Ein Schlager­fes­ti­val zu ver­anstal­ten würde mir wesentlich schwieriger fall­en, da mich das Genre nicht inter­essiert. Pri­vat ist der Musikan­teil in meinem Leben min­destens genau­so groß. Anders als mit Fak­toren wie Inter­net, Handy oder Erre­ich­barkeit werde ich der Musik nie über­drüs­sig oder brauche eine Pause von der Musik. Außer vielle­icht im Taxi, wenn da Musik läuft, die ich nicht hören möchte.

Ein Moment an den ich mich immer wieder gerne zurück erin­nere: 2015 spielte Len Faki einen Track, der zu mein­er Zeit gehörte und mir diese Zeit emo­tion­al zurück­ge­bracht hat. Um die Nuller­jahre fing ich an, in die Clubs zu gehen. Aus dieser Zeit stammte das Lied und ich hat­te den Track bes­timmt seit zehn Jahren nicht mehr gehört. Da hat­te ich Gänse­haut am ganzen Kör­p­er. Für die näch­sten 25 Jahre Poller­Wiesen wün­sche ich mir, dass wir uns genau­so dynamisch, aufre­gend und inno­v­a­tiv weit­er­en­twick­eln kön­nen. Und das wir alle gesund und glück­lich sind mit dem was wir machen.”

AUF EINEN BLICK

Alle weit­eren Infos find­et ihr auf der Web­site des Poller Wiesen Fes­ti­vals


*Dieser Beitrag entstand in freundlicher Kooperation mit Gaffel Kölsch.